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Digitalisierung ist weder Katastrophe noch Selbstzweck!

Es vergeht kein Tag, an dem nicht vor den Auswirkungen der Digitalisierung gewarnt wird. „Digitalisierung zerstört 3,4 Millionen Stellen“ titelt z.B. die FAZ am 02.02.2018. Die dabei verbreiteten gesellschaftlichen Schreckensszenarien zeigen teilweise eine Zukunft, bei der Menschen zum Arbeiten weitgehend nicht mehr gebraucht werden.

Massenarbeitslosigkeit und Durchdringung des kompletten Alltags durch digitale Helfer sind zwei der benannten Themen. Viele Beiträge werden auch nicht müde, zu betonen, dass insbesondere der Mittelstand ja weit „hinterherhinkt“ und droht, abgehängt zu werden, wahrscheinlich schon morgen!

Wer in der Geschichte des RKW sucht, der wird zum Beispiel 1957 fündig. Damals wurden spannende Studien zur Automatisierung veröffentlicht. Wenn man in einigen der Texte Automatisierung mit Digitalisierung vertauscht, könnte man Textteile ohne Plagiatsvorwurf heute übernehmen. Entlastung von körperlich harter Arbeit, technische Arbeitslosigkeit, Kapazitätsausweitung, Qualitätsverbesserung, Ausbau von Planung und Kontrolle sind dort die Stichpunkte. Dinge, die wir offenbar auch von der Digitalisierung erwarten. Insbesondere die drohende Massenarbeitslosigkeit durch technischen Fortschritt wurde auch damals betont. Nicht alles, was prognostiziert wurde, ist eingetreten, und vieles hat unser Arbeiten leichter und produktiver gemacht. Insbesondere das Schreckgespenst der Massenarbeitslosigkeit ist uns dankbarer Weise bislang erspart geblieben.

Jetzt aber kommt die Digitalisierung. Muss der Mittelstand jetzt zittern, weil er nicht digital genug ist? Müssen die Mitarbeiter jetzt Angst haben, weil ihr Arbeitsplatz voll digitalisiert wird und komplett wegfällt?

Die Antwort auf die beiden Fragen fällt nicht leicht, aber eines steht fest: Digitalisierung ist weder Selbstzweck, noch Katastrophe, noch Allheilmittel! Wer schlechte Prozesse hat, wer zu wenige Kunden hat oder die falschen Produkte, der wird es schwer haben, morgen noch zu bestehen – egal ob ohne oder mit Digitalisierung. Schlechte Prozesse zu digitalisieren oder untaugliche Produkte perfekt im Internet zu präsentieren, wird es nicht richten.

Ich habe beschlossen, optimistisch zu bleiben! Aus unserer Arbeit mit mittelständischen Betrieben in inzwischen mehr als 190 Digitalisierungsberatungen können wir viel lernen.

  1. Es gibt immer Prozesse, die besser werden können. Digitalisierung kann hier im Rahmen der Prozessoptimierung helfen, dass „wir“ (und besonders der Mittelstand) noch besser werden. Von der Datenerfassung und –auswertung über die digitale Steuerung bis zur Datenübertragung oder neuen Produktionsmöglichkeiten (z.B. 3d-Druck) gibt es hier viele Chancen - wenn man das macht, was Sinn macht und damit einen Mehrwert generiert.

  2. Internet und soziale Medien eröffnen neue Vertriebswege und Kundenansprache-Möglichkeiten – sofern dies zielgruppenorientiert und zielgerichtet erfolgt. Kommunikationsverhalten ändert sich und damit auch die genutzten Medien. Dieses Potenzial gilt es zu nutzen.

  3. Datenschutz und –sicherheit erhalten immer mehr Bedeutung. Daten verlieren oder unsachgemäßer Umgang können Geschäftsbeziehungen und Vertrauen zerstören. Aber ohne geschützte Systeme geht ja schon lange nichts mehr.

  4. Handlungsbedarf besteht definitiv noch bei der Weiterentwicklung der Geschäftsmodelle, Produkte und Dienstleistungen im Rahmen der digitalen Möglichkeiten. Zusätzliche Services, Weiterentwicklung des Angebotes, neue Herangehensweisen, revolutionäre Marktveränderungen – sicher bringt die Digitalisierung hier Veränderungen, denen wir uns stellen müssen. Die gute konjunkturelle Lage überdeckt hier teilweise den Handlungsdruck, aber aus meiner Sicht „spielt hier die Musik“ für den Markt von morgen.

Der Mittelstand nimmt die Veränderungen an, Stück für Stück, so schnell oder langsam wie immer. Wenn dann nicht nur „einfach digitalisiert“ wird, sondern die Digitalisierung als Chance zur Optimierung von Prozessen, Vertriebsstrukturen und Produkten und Dienstleistungen genutzt wird, dann ist der Mittelstand auf dem richtigen Weg – und das ist das, was wir in vielen Unternehmen erleben. Gefühlt haben wir in vielen Betrieben zudem mehr Arbeit, als Mitarbeiter und zu wenig Ertragsspanne, um noch jemanden einzustellen, der die vorhandene Mehrarbeit übernimmt. Ob deshalb durch Digitalisierung massenhaft Arbeit wegfällt, oder sich „nur“ (das kann anstrengend genug werden!), wie schon bei der Automatisierung Aufgaben verlagern, wird sich zeigen. Diese Verlagerungen können sicher ganze Berufsgrüppen oder Branchen betreffen. Ich bin zuversichtlich, dass es in einer digitalen Zukunft dennoch genug zu tun gibt, was von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern „angepackt“ werden muss.

P.S. Das Land Hessen und die EU fördern Digitalisierungsberatungen für kleine und mittlere Unternehmen. Wenn Ihr Unternehmen Unterstützung braucht, fragen Sie uns, wir unterstützen Sie gern!

Februar 2018

Sascha Gutzeit, Geschäftsführer RKW Hessen GmbH